Qlippot (Klippot) in der Kabbala

Nach der jüdischen Mystik sind Qlippot (He–br.: קליפה, Pl. Qlippot או קליפות) „Schalen“ oder „Hüllen“, die das göttliche Licht verbergen. Sie repräsentieren die spiegelbildlichen, unreinen Gegengewichte zu den heiligen Sefirot des Baumes des Lebens. Gemäß dem Zohar wurden von Gott vor der Schöpfung mehrere unvollkommene Welten erschaffen und wieder zerstört; ihre Überreste blieben als „Schalen“ erhalten, die heute Sitra Achra (אחרא, „andere Seite“) genannt und mit Götzendienst sowie spiritueller Unreinheit gleichgesetzt werden. Dabei enthalten sie noch „Funken von Heiligkeit“de.wikipedia.org. In der Lurianischen Kabbala werden Qlippot als die Scherben der Schwîrat ha-Kelim (Schilde der Gefäße) der inneren sechs Sefirot beschrieben, die im Prozess der Welterschaffung dem göttlichen Licht nicht standhielten und zerbrachen. Diese Bruchstücke blieben als geistige Hindernisse bestehen und erhalten ihr Dasein nur durch Gottes Licht in äußerer Weisede.wikipedia.org. Qlippot verhüllen das göttliche Eine wie die Schale eine Fruchtde.wikipedia.org und sind daher Sinnbild für das verborgene „Böse“ (Sitra Achra) und Götzendienst. Sie dienen aber auch wie Fruchtschalen dazu, die Funken des göttlichen Lichts vor dem unvermittelten Zerstreuen zu schützende.wikipedia.org.

Nach überlieferten kabbalistischen Quellen existieren für (fast) jede der zehn Sefirot entsprechende Qlippot, oft mit eigenen Namen und Bedeutungen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die üblichen Bezeichnungen und Sinnbilder der Qlippot, wie sie etwa in klassischen Traditionen und später in kabbalistischen Schriften (z.B. der Kabbala Denudata) genannt werden:

Sefira (Deutsch)Qlippa/Klippah – Bedeutung und Bild
Keter (Krone)Thaumiel – „Gottes Zwilling“ (Dualität, Gegensatz zur Einheit Gottes)de.wikipedia.org.
Chokhmah/Chochmah (Weisheit)Ghôgiel/Ghagiel – „Hinderer“, „Verwirrung von Gottes Macht“ (falsche Erkenntnis)de.wikipedia.orgoccult.live.
Binah (Verständnis)Satariel – „Verbergung Gottes“, „Verstecker“ (Verwirrung, Verbergen des Wahrhaften)occult.live.
Chesed (Güte)Gha’agsheblah/Gamchicoth – „Oger“ (pervertierte Liebesmacht, raue Gewalt)en.wikipedia.org.
Gevurah/Din (Strenge)Golachab – „Flammende“, „die Feuerbringer“ (brutale, Vernichtungsgewalt)archive.org.
Tiferet (Schönheit/Herz)Thagirion – „Die Tränen, die Leidenden“ (Verbreiter von Kummer und Tränen)de.wikipedia.org.
Netzach (Ewigkeit/Sieg)A’arab Zaraq – „Die Raben der göttlichen Verbrennung“ (verzehrende Mächte)de.wikipedia.org.
Hod (Herrlichkeit/Ehre)Samael – „Gottes Trostlosigkeit/Linke Hand“ (verkörpert dem biblischen Erzengel entgegengesetzte, toxische Aspekte)de.wikipedia.org.
Yesod (Grundlage)Gamaliel – „Unreinheit Gottes“ (pervertierter Fortpflanzungstrieb, Verzerrung des Wahrhaftigen)de.wikipedia.org.
Malkuth (Königreich)Nehemoth – „Flüsterer, Nachtgespenster“ (verwirrende Illusionen der materiellen Welt)de.wikipedia.org.

Jedes dieser Sephira–Qlippa-Paare kann nun im Detail beschrieben werden:

Keter (Krone) – Thaumiel

Keter ist die oberste Sefira und symbolisiert die höchste Einheit Gottes. Ihr entgegengesetzt steht Thaumiel (תאומיאל), wörtlich „Zweizeller Gottes“ oder „Gottes Zwilling“de.wikipedia.org. Thaumiel bedeutet mehrdeutig „Zweifel/Gegensatz“: Es weist auf zwei einander widersprechende Kräfte hin. Während Keter für das ungeteilte Einssein Gottes steht, verkörpert Thaumiel die Selbstbezogenheit und Zweiteiligkeit. In klassischer Vorstellung ist Thaumiel die Klippah, die die Einheit Gottes spaltet und die dualistische Tendenz symbolisiert – das Streben nach individueller Allmacht anstatt nach heiliger Verbindung. Thaumiel wird manchmal als Ort extremer Gegensätze beschrieben, dessen Herrscher (z.B. „Satan“ und „Moloch“ in späteren Systemen) die Spaltung bzw. Zwietracht repräsentieren. In dieser Klippah erlischt die Furcht vor Gott und es offenbart sich Stolz, Rebellion und Egozentrik – ganz im Gegensatz zur demütigen Hingabe von Keter.

Chokhmah (Weisheit) – Ghôgiel

Die Sefira Chokhmah (Weisheit) steht für den unmittelbaren Eingebungsfunken, die göttliche Weisheit. Dem gegenüber steht die Klippah Ghôgiel (תעלותלק), auch Ghagiel oder Chaigidel genannt, was etwa „Hinderer“ bedeutet. Wie der Name andeutet, ist Ghogiel das Prinzip der Blockade und Irreführung. Er wird als „Verwirrung von Gottes Macht“ beschriebende.wikipedia.org. Während Chokhmah reine Inspiration bringt, manifestiert Ghogiel „falsche Weisheit“ bzw. völlige Unwissenheitoccult.live. Er äußert sich als innere Stimme des Zweifels: „Du kannst das nicht tun!“, und schafft unrechtmäßige Schranken und Furcht. Nach überliefertem Kabbala-Lehre sitzt Ghogiel dem Pfad unter Chokhmah vor und verhindert den freien Fluss kreativer Energie. In der allegorischen Deutung ist Ghogiel auch der „Kopf aller Qlippot“ (manchmal mit dem Namen Babălon assoziiert), die die gegenteiligen Geisteskräfte zur göttlichen Weisheit verkörpern. Kurz: Ghogiel deckt die Klarheit der Weisheit mit Dunst und Täuschung zu.

Binah (Verständnis) – Satariel

Binah (Verständnis) ist die Sefira des Begriffs und der Form; sie interpretiert und gestaltet die Eingebung aus Chokhmah. Ihr entgegengesetzt ist die Klippah Satariel (סתריאל), wörtlich „Geheimnis Gottes“, meist übersetzt als „Die Verbirger“ oder „Verstecker“. Satariel repräsentiert das genaue Gegenteil von Verstehen: Er steht für Unkenntnis, Chaos und die Verweigerung der Erkenntnisoccult.live. Während Binah Licht in die Ideen bringt, vernebelt Satariel das Verständnis. Laut Tradition „verhüllt“ Satariel das Licht Gottes vor dem Suchenden und schafft Labyrinthe des Unwissens. Entsprechend wird Satariel als Klippah bezeichnet, die die Klarheit der Intelligenz blockiert – etwa als hartnäckige Ablehnung, die Wahrheit anzuerkennen. In der gematrischen Tradition entspricht Satariel dem Planeten Saturn und seinem Aspekt des Verbergens. Insgesamt symbolisiert er die Verbannung jeglichen Lichts anstelle der Aufnahme göttlicher Erkenntnis.

Chesed (Güte/Milde) – Gamchicoth

Die Sefira Chesed (Milde/Liebesgabe) steht für ungeteilte Liebe, Großzügigkeit und expansionistische Gnade. Ihr gegenüber steht die Klippah Gha’agsheblâ/Gamchicoth, wörtlich etwa „Oger“ oder „Riesen“ (manchmal auch „die Geschlagenen“). In späteren Beschreibungen wird Gamchicoth als hässliche, ungezügelte Fratze des Mitgefühls dargestellt. Er verzerrt und pervertiert die Güte von Chesed in Bestrafung, Überheblichkeit und Grausamkeit. Der Gegenpol zur Barmherzigkeit wird so zu einem sich rächerischen, arroganten Phänomen. (Nach dem System der Kabbala Denudata gehört Astaroth oder eine ähnliche Dämonenfigur zu Gamchicoth.) Im Sinne klassischer Kabbala-Lehre ist Gamchicoth die Hülle, die das Zuviel an Güte in Zerstörung umbiegt. Er gedeiht dort, wo Mitgefühl verschüttet oder missbraucht wird und symbolisiert die gebrochene Liebe – also einen verführten Gegensatz zur Nächstenliebe von Cheseden.wikipedia.org.

Gevurah/Din (Stärke/Strafe) – Golachab

Gevurah (auch Din, Strenge) ist die Sefira der Macht, Rechtsprechung und des Zornes Gottes. Sie begrenzt und ordnet, um Gerechtigkeit zu schaffen. Ihr Qlippah ist Golachab (לעבדק), oft „Flammende“ oder „Feuersbringer“ genannt. Golachab wird mit purpurner, grausamer Gewalt assoziiert: Sein Name bedeutet „Brandstifter, Flammen“, „Vulkan“ oder „Feuer“. Er nimmt Gevurah in sein Schattenreich und steigert sie ins Zerstörerische. Klassische Beschreibungen sprechen von Golachab als „der brutalsten aller Qlippot“archive.org: Er ist das Bild einer zerstörerischen Wut, die sich mit Gevurah verbindet und über göttliche Strenge hinausgeht. Während Gevurah das kreative Feuer ist, führt Golachab es in brennende Wildheit. In allegorischer Deutung kann Golachab als das Gegenprinzip des gerechten Zorns gedeutet werden – als unkontrolliertes, vernichtendes Feuer. Nach einigen kabbalistischen Lehren entstand Golachab bei der Harmonisierung von Gevurah und Chesed: Er ist der Pfad, auf dem sich Unerbittlichkeit in Vernichtung verwandelt. (In manchen Überlieferungen wird z.B. Asmodäus mit Golachab verbunden.)

Tiferet (Schönheit) – Thagirion

Die Sefira Tiferet (Schönheit oder Mitten von Herz und Sonnenkraft) vereint und harmonisiert das Zusammentreffen von Liebe (Chesed) und Macht (Gevurah). Ihr entspricht die Klippah Thagirion (תהגריון), oft übersetzt als „Die Klagenden“ oder „die Leidenden“. Thagirion wird beschrieben als „diejenigen, die Kummer und Tränen verbreiten“de.wikipedia.org. In dieser Rolle stört er den Ausgleich von Tiferet, indem er Schmerz und Leiden hervorruft. Während Tiferet Licht, Mitgefühl und Ausgeglichenheit verkörpert, versprüht Thagirion Verzweiflung und Zwietracht. Nach esoterischer Tradition ist er mit dem sogenannten „Schwarzen Sonnenlicht“ verbunden – einer Form dunkler Selbsterkenntnis – und manchmal dem Dämon Belphegor zugeordnetde.wikipedia.org. Kabbalistischerweise wird er als der Ort betrachtet, an dem sich unerlöste emotionale Energie sammelt; er repräsentiert also das Gegenteil der Erweckung von Mitgefühl in Tiferet.

Netzach (Ewigkeit/Sieg) – A’arab Zaraq

Netzach (Sieg/Ewigkeit) bedeutet Ausdauer, Triumph und das Fortbestehen göttlicher Kraft. Seine Klippah heißt A’arab Zaraq (ערב זראק), „die Raben der göttlichen Verbrennung“de.wikipedia.org. Das Bild der Raben steht hier für unheilvolle Erscheinungen (Symbol auch in der Offenbarung). A’arab Zaraq personifiziert die zwangsweise Zerstörung selbst positiver Kräfte: Wo Netzach bleibende Gesetze und Siege symbolisiert, brennt A’arab Zaraq alles nieder, was wächst. In der kabbalistischen Vorstellung sind dies die „Raben“, die die reinigende Sonne – das göttliche Licht – verfolgen und verstärken, bis nur verbrannte Asche übrig bleibt. Damit kehrt A’arab Zaraq Netzachs Ausdauer ins Gegenteil: Anstelle ewigen Triumphs herrscht ewiges Leiden und Trostlosigkeit. Manche Quellen deuten ihn als Sitz von Dämonen wie Baal und Tubal-Kain. Insgesamt verkörpert A’arab Zaraq also das zerstörerische Gegenprinzip zum beharrlichen Sieg von Netzach.

Hod (Ehre/Glanz) – Samael

Hod (Ehre, Glanz) ist die Sefira der Dankbarkeit, Form und des Intellekts – er drückt sich in Verständnis und Ausdruckskraft aus. Dem entspricht Samael (סמאל), wörtlich „Blindes/Erblindetes Gottes“ und oft als „Gottes Trostlosigkeit“ bzw. „Linke Hand Gottes“ beschriebende.wikipedia.org. In der Kabbala tritt Samael als angelisches Wesen auf, das für harte Gerichte und Anklagen steht. Als Qlippah nimmt Samael Hod gefangen, indem er dem Glanz Gottes (Hod) bittere Verzweiflung entgegenstellt. Traditionell heißt es, Samael („der Giftige Gottes“) vergiftet glasklare Erkenntnis mit Pessimismus und Falschheit. Im kosmischen Drama gilt er als Engel des Todes oder als Kopf der dunklen Engel, der dort wirkt, wo Hod Erkenntnis bringen soll. Vereinfacht gesagt: Samael bedeckt das Licht von Hod mit einer giftigen Dunkelheit und repräsentiert so die psychische Unreinheit, die entsteht, wenn der Glanz der Wahrheit verkehrt wird.

Yesod (Grundlage) – Gamaliel

Yesod (Fundament) ist die Sefira der Verbindung, des Weitergebens und der Fruchtbarkeit. Sie vermittelt die Energie an Malkuth weiter. Ihr Gegenpol ist Gamaliel (גמליאל), wörtlich „Gottes Vergeltung“ oder in negativen Auslegungen „Gottes Unreinheit“de.wikipedia.org. Gamaliel steht als Klippah für verzerrte Fortpflanzungs- und Zeugungskräfte: Er verfälscht die Schöpfungssäule Yesod. Während Yesod Reinheit, Wahrheit und Zusammenführung der Kräfte symbolisiert, bringt Gamaliel dämonische Lüsternheit, sexuelle Perversion und täuschende Fruchtbarkeit an ihre Stelle. Überliefert wird Gamaliel oft mit der Dämonin Lilith assoziiert (deren Name unter Yesod erscheint): Er verkörpert „die Finsternis im Fundament“. Klassisch gesehen sammelt er alle verbotenen Begierden, die im hintersten Winkel des Seins schwelen, und blockiert dadurch die reine Verbindung, die Yesod ermöglichen will. In alten Quellen wird Gamaliel daher auch als „Versuchung“ oder „Schamlosigkeit“ verstanden, die die Weitergabe des Lebens behindert.

Malkuth (Königreich/Shekhinah) – Nehemoth

Malkuth (Königreich) ist die Sefira der physischen Welt und der göttlichen Gegenwart (Shekhinah) in der niederen Welt. Ihr entsprechend ist Nehemoth (נהמות), wörtlich „Flüsterer, Nachtgespenster“. Nehemoth gilt als die tiefste und äußerste Hülle, in der Gottes Licht am stärksten verhüllt ist. Während Malkuth die empfangende Leere ist, in der das göttliche Licht leuchten soll, versinkt Nehemoth in Totengeistern, Flüstern und Illusionen der Dunkelheitde.wikipedia.org. Er ist der Ort, wo äußere Erscheinung und Täuschung herrschen – die ganz und gar ungeheilte Materialität. Nach einigen Überlieferungen wird Nehemoth in Verbindung mit der Dämonin Naamah gebracht. Praktisch bedeutet dies: Nehemoth symbolisiert sämtliche spirituellen Blockaden auf der weltlichen Ebene; er manifestiert sich in blindem Festhalten an Äußerlichkeiten, Habgier, Verblendung und in allen Formen des irrationalen Aberglaubens. In dieser letzten, untersten Sphäre ist das göttliche Licht nur als schwaches Raunen spürbar, weitgehend eingehüllt in die Klippot von Sitra Achra.

Quellenhinweise: Die obige Darstellung fußt auf klassischen kabbalistischen Lehren (Zohar, Luria et al.) sowie darauf basierenden Systematisierungen (z. B. Kabbala Denudata, nach jüdischem Verständnis). Die Entsprechungen und Bedeutungen wurden unter anderem beschrieben in germansprachigen Darstellungen der Kabbalade.wikipedia.orgde.wikipedia.orgde.wikipedia.org. Zusätzliche Erläuterungen beruhen auf einschlägigen kabbalistischen Traditionen und Auslegungenoccult.liveoccult.livearchive.org.